Zwangsarbeit von Konzentrationslagerhäftlingen in der deutschen Elektroindustrie – Genese und Durchführung von KZ-Zwangsarbeitseinsätzen im Siemens-Konzern



Die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches war von der Zwangsarbeit von Millionen von Menschen in Landwirtschaft und Rüstungsproduktion geprägt. In der historischen Forschung und der Öffentlichkeit verknüpft sich mit diesem Phänomen zunehmend die Frage nach Rolle und Verantwortung der Privatunternehmen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Die Frage nach Integration und Funktion unfreier Arbeit in den Strukturen moderner kapitalistischer Industriebetriebe läßt sich dabei am aussichtsreichsten anhand der am schlimmsten terrorisierten und Zwangsmaßnahmen ausgesetzten Gruppe der Konzentrationslagerhäftlinge untersuchen, die ab 1942 auch außerhalb des SS-Lagersystems für die Arbeit in der privaten Rüstungsindustrie herangezogen wurde.

Neben der Haltung der Industrie, die sich mit dem Hinweis auf den „Zwangscharakter der Kriegswirtschaft“ der Verantwortung für die Geschehnisse zu entziehen suchte, ist die Forschungskontroverse von den beiden diametral entgegengesetzten Auffassungen von Karl Heinz Roth und Wolfgang Sofsky bestimmt. Roth formuliert die These von der KZ-Zwangsarbeit als ökonomisch lohnende und für die Unternehmen attraktive Sklavenarbeit, während Sofsky Häftlingsarbeit nur als Mittel zur Strafe und Vernichtung und damit außerhalb ökonomischer Erwägungen sieht.

Das hier vorgestellte Promotionsvorhaben will sich dieser Problematik anhand einer empirischen Untersuchung des sich im Häftlingseinsatz ausbildenden Verhältnisses zwischen SS-Lagersystem und Privatbetrieb nähern: Paßte sich die SS den Bedürfnissen und Anforderungen des Unternehmen an oder ist eher von einer Expansion des Lagersystems in den Betrieb hinein zu sprechen? Im Mittelpunkt der Bearbeitung sollen dabei die Auswirkungen auf die Lebens- und Überlebenschancen der betroffenen Häftlinge stehen, die so den Bezugspunkt der Beurteilung bilden.

Elektrounternehmen wie Siemens gehörten neben der Luftfahrtzeugindustrie zu den frühen Vorreitern im Häftlingseinsatz. Eine systematische Erforschung der KZ-Zwangsarbeitseinsätze in der Elektroindustrie ist jedoch bisher weitgehend ausgeblieben. Ihre Wichtigkeit für die Kriegswirtschaft verknüpft sich hier mit der relativen Modernität der Elektrobetriebe gegenüber anderen Industriezweigen zu einem Kernbereich der Konzentrationlager- und Zwangsarbeitsforschung, da der hohe Anteil an Fließfertigung und die moderne Arbeitsorganisation der Elektrounternehmen eine Beschäftigung von ungelernten Arbeitskräften und damit den Häftlingseinsatz in besonderer Weise begünstigte.

Für die Behebung dieses zentralen Forschungsdefizites bietet sich eine Untersuchung des Siemens Konzernes als bedeutendstem deutschen Elektrounternehmen besonders an, da dessen Schrittmacherfunktion im Produktionseinsatz von KZ-Häftlingen sich in der bereits 1942 eingerichteten „Fertigungsstelle Ravensbrück“ ebenso dokumentiert, wie in der großen Zahl der für das Unternehmen später eingerichteten Häftlingseinsätze.

Das Promotionsvorhaben stellt dabei eine Erweiterung meiner Magisterarbeit dar, die als lokale, vergleichende Studie zwei Häftlingseinsätze des letzten Kriegsjahres im Siemens Konzern – das „Siemenslager“ in Ravensbrück und das Lager „Haselhorst“ in Berlin-Siemensstadt – untersuchte. Im Zentrum des Forschungsvorhabens soll der Vergleich der Lebens- und Arbeitsbedingungen der KZ-Zwangsarbeitseinsätze und ihre Folgen für die betroffenen Häftlinge stehen, differenziert nach Geschlecht und Häftlings- bzw. Verfolgungsgruppe. Weiter sollen die Genese und Art der Einsätze – ob Bau- oder Produktionsarbeiten – sowie ihr Zusammenhang mit der Entwicklung der Kriegswirtschaft mit einbezogen werden.

In der Untersuchung der KZ-Zwangsarbeitseinsätze beim Siemens Konzern will das Promotionsvorhaben nicht nur neue Erkenntnisse über den Stellenwert und Charakter der KZ-Zwangsarbeit erarbeiten und damit die geschilderte Forschungslücke schließen, sondern angesichts einer interessierten und zunehmend lauter fragenden Öffentlichkeit einen bereits lange ausstehenden Beitrag der Forschung zur Aufarbeitung und differenzierten Auseinandersetzung mit der Rolle und Verantwortung der Privatunternehmen in der Zeit des Nationalsozialismus liefern.